Der Kampf mit den Vorurteilen

Es ist November - "Diabetes-Awareness"-Monat, wie man so sagt. Und ich möchte hiermit auch mal meinen Beitrag leisten.

 

Am 14. November war Weltdiabetestag. Da gab es wieder in den Medien jede Menge Beiträge über Diabetes. Einige waren ganz gut (man freut sich ja schon, wenn überhaupt mal darüber berichtet wird), aus anderen waren mal wieder einige Fehler herauszulesen.

Spontan fällt mir da ein Beitrag ein, in dem sehr wohl zwischen Typ 1 und Typ 2 differenziert wurde (eigentlich lobenswert), dann aber pauschal darauf hingewiesen wurde, man solle Zucker und ungesundes Essen meiden, um Diabetes vorzubeugen. Das hat mir mal wieder verdeutlicht, wie viel Halbwissen über unsere Krankheit vorhanden ist und dass es wichtig ist, auch weiterhin mit Vorurteilen aufzuräumen.

Ich denke, über kaum etwas wurde schon so häufig in Foren und Blogs geschrieben wie über Vorurteile, mit denen man als (Typ 1-)DiabetikerIn konfrontiert ist. Warum ich jetzt auch noch meinen Senf dazugeben muss? Weil ich es für eine wichtige Aufgabe halte, wenn man schon einen öffentlichen Blog hat, dort u.a. auch mit Vorurteilen aufzuräumen. Gerade weil ich weiß, dass dieser Blog auch von einigen Nicht-Diabetikern gelesen wird. Für die gilt: Schreit eure nach diesem Beitrag neu gewonnenen Erkenntnisse in die Welt hinaus - wir Diabetiker danken es euch ;-)

Vorweg möchte ich aber noch sagen, dass mich Vorurteile an sich nicht wirklich stören. Ich selbst kannte mich vor meiner Diagnose auch kaum mit Diabetes aus und für Menschen, die nicht davon betroffen sind, gibt es ja auch eigentlich keinen Grund, sich verstärkt damit zu beschäftigen. Wir selbst wissen ja auch nicht alles über andere chronische Erkrankungen. Deshalb finde ich Fragen völlig okay und sogar wünschenswert - allemal besser, als Leute, die sich dann ihren (evtl. falschen) Teil denken oder - und das ist etwas, was mich dann doch stört - Leute, die meinen, Ratschläge erteilen zu können auf Grund dessen, was sie irgendwann mal gehört haben. Ich bin solchen Leuten glücklicherweise fast noch nie begegnet, aber es gibt sie sehr wohl.

Insbesondere für diese Leute, aber auch für all jene, die uns vielleicht in einem Notfall mal helfen müssen, die mit uns essen und sich wundern, wieso wir so viel futtern können, die in der Bahn gegenüber sitzen und mitleidig-entsetzt auf den Pen starren: Für euch alle ist das hier. Und für die Diabetiker, die das nur zu gut kennen.

"Das darfst du doch gar nicht essen, oder?"

Kuchen, Schokolade, Spaghetti Carbonara, Pizza, Pommes, Cola - für einen Diabetiker strikt zu meiden! So zumindest das Vorurteil. Woher es kommt, ist klar. Viele Typ 2-Diabetiker können es mit einer speziellen Diät tatsächlich schaffen, die Krankheit gut in den Griff zu bekommen und müssen dann keine Medikamente nehmen oder zumindest kein Insulin spritzen. Wir Typ 1er kommen an der Sache mit dem Spritzen aber ohnehin nicht vorbei und eine Diät würde uns recht wenig helfen.
Wir dürfen also im Prinzip alles essen, was wir wollen - wenn wir es richtig berechnen und dafür spritzen. Hier liegt dann oft das eigentliche Problem. Denn die Erfahrung, dass Pizza schier unberechenbar ist, Vollkornnudeln viel leichter mit Insulin abzudecken sind als "normale" und kein Insulin der Welt schnell genug ist, um zuckerhaltige Getränke ohne Anstieg abzudecken, muss trotzdem jeder Diabetiker machen. Das heißt aber nicht, dass darauf komplett verzichtet werden muss - sondern nur, dass man das richtige Maß finden muss. Da unterscheidet sich der gemeine Diabetiker aber auch nicht von allen anderen. Jeden Tag die o.g. Lebensmittel in sich reinzustopfen, dürfte für niemanden langfristig gesund sein. ;-)
Übrigens gibt es tatsächlich doch einige wenige Dinge, auf die ich im Alltag verzichte, und das sind genau die Sachen, die ich dann während einer Unterzuckerung zu mir nehme: süße Säfte, Limo, Cola oder Traubenzucker. Gerade letzteres kann man als Diabetiker aber sowieso irgendwann nicht mehr sehen, der Verzicht ist also nicht allzu schwierig ;-)

"Meine Oma hat auch Diabetes, die isst immer viel Zimt, damit kann man das heilen!"

Ja, es gibt viele "Heilmittel", die so in den Köpfen der Nicht-Diabetiker kursieren. Und das ist ja auch kein Wunder, schließlich liest man in Zeitschriften immer wieder über neue Wundermittel gegen Diabetes - Zimt ist da nur ein Beispiel.

Natürlich gibt es auch oft einen (meist älteren) Diabetiker im Verwandtenkreis, der dies schon erfolgreich angewendet hat. Auch hier muss man dann wieder auf den Unterschied zwischen Typ 1 und Typ 2 hinweisen. Ich kann auch für Typ 2 keine Besserungsgarantie durch Zimt aussprechen, aber zumindest besteht bei diesem Typ die Möglichkeit, den Diabetes soweit in den Griff zu bekommen, dass man keine Medikamente mehr nehmen muss und somit quasi "geheilt" ist. Für uns Typ 1er gibt es diese Heilungschancen leider (noch) nicht und ein wirkliches Heilmittel ist wohl auch noch ferne Zukunftsmusik. Deshalb sind auch die nett gemeinten "Gute-Besserungs-Wünsche" leider fehl am Platz. Wir hoffen alle auf ein Heilmittel, aber momentan gilt für Typ 1-Diabetiker, dass man die Krankheit ein Leben lang hat, egal, was man nimmt oder wie man sich ernährt.

"Du siehst aber gar nicht krank aus!" / "Aber du bist doch gar nicht übergewichtig!"

Nein, tatsächlich sieht man als Typ 1-Diabetiker ganz normal aus. Wobei - was ist schon normal? Sagen wir also besser, man sieht einem Typ 1-Diabetiker die Krankheit nicht an. Wir sind weder übergewichtig (das trifft übrigens entgegen der landläufigen, auch unter Diabetikern noch verbreiteten Meinung auch nicht auf alle Typ 2-Diabetiker zu!), noch besonders blass oder haben dunkle Ränder unter den Augen.

Wenn man gut eingestellt ist, kann höchstens die Pumpe oder das CGM/FGM einen optischen Aufschluss über die Krankheit geben. Und das ist doch auch ganz gut so, schließlich fühlen wir uns den Großteil der Zeit auch nicht krank oder "behindert".

"Oh, du musst spritzen. Dann hast du das also schon so schwer?"

Wie gesagt: "Schweren Diabetes" (oder auch gerne "schwere Diabetis" - tatsächlich auch von Diabetikern schon oft so gelesen) gibt es für uns Typ 1er nicht. Es mag sein, dass manche mit der Einstellung weniger Probleme haben als andere, aber gleichwohl müssen wir alle spritzen, und zwar direkt von Anfang an.

Das hat nichts mit der Schwere der Krankheit zu tun, sondern einfach damit, dass unsere Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr produziert (oder am Anfang: kaum noch Insulin) und wir es somit durch Spritzen zuführen müssen. Das bedeutet nicht, dass die Krankheit in irgendeiner Art und Weise besonders schlimm geworden ist, sondern einfach, dass die Erkrankung grundsätzlich eine andere ist als Typ 2-Diabetes, bei dem die Bauchspeicheldrüse noch arbeitet, man aber gegen das Insulin resistent wird.

"Wenn du umkippst, muss ich dir dann Insulin spritzen?"

Neeeeeeeeeeeein. Bitte nicht! Es ist ja lieb, dass Leute sich immer wieder nach dem Ernstfall erkundigen und ich freue mich immer, wenn ich jemanden darüber aufklären kann. Die Tatsache, dass viele meiner Freunde aber auch nach der Aufklärung öfter noch erwogen haben, mir im Unterzuckerungsfall Insulin zu spritzen, kann manchmal eeeetwas beunruhigend sein ;-)
Im Ernst: "Umkippen" kann man theoretisch sowohl durch zu hohe als auch durch zu niedrige Werte - letzteres ist allerdings deutlich wahrscheinlicher, da man für eine Ketoazidose (das wäre der erstere Fall) eigentlich schon vorher deutliche Anzeichen verspüren und sein Umfeld entsprechen informieren sollte.

"Spontanes Umkippen" wird also wahrscheinlich eher darauf hindeuten, dass jemand sehr stark unterzuckert ist und sich nicht mehr selbst helfen kann. Hier gilt dann: Bitte auf keinen Fall Insulin spritzen! Insulin senkt den Blutzucker und würde somit noch mehr Schaden anrichten. Dass einem komatösen Diabetiker aber direkt mal dramaturgisch wirkungsvoll eine Spritze verabreicht wird, kennt man ja aus vielen Filmen/Serien und da denken eben viele zunächst einmal an Insulin (bzw. es wird leider auch tatsächlich oft so gesagt). Tatsächlich ist in solchen Fällen aber die Notfallspritze das Mittel der Wahl. Hiermit verabreicht man Glucagon, was den Blutzucker schnell erhöhen sollte. Ich habe meine Notfallspritze immer dabei und die Leute, mit denen ich viel zu tun habe, wissen auch alle, wie sie angewendet wird. Wer sich aber nicht ganz sicher ist, was zu tun ist, kann aber natürlich auch den Notarzt rufen - der weiß in jedem Fall, was gemacht werden sollte. Nur bitte kein voreiliges Insulin-Spritzen und nicht versuchen, dem Bewusstlosen etwas einzuflößen - Erstickungsgefahr!

Das waren jetzt erstmal so die Vorurteile bzw. typischen Aussprüche, die mir spontan eingefallen sind und die mir schon begegnet sind. Teilweise ist das Ganze natürlich (absichtlich) etwas überspitzt dargestellt - man will ja bei alledem nicht den Humor verlieren.
Falls ihr Nicht-Diabetiker etwas nicht wisst: Das ist total normal. Fragt einfach! Über viele wichtige Sachen seid ihr aber hiermit schon aufgeklärt. ;-)

Ich finde es immer gut, wenn man sich für etwas ehrlich interessiert und nachfragt und ich informiere immer gerne darüber, weil ich es schön fände, wenn zumindest der Unterschied zwischen Typ 1 und Typ 2 im Bewusstsein der Öffentlichkeit deutlicher würde.

Mit was für Vorurteilen wurdet ihr schon konfrontiert und wie geht ihr damit um? Weiß euer Umfeld gut Bescheid oder gibt es dort immer wieder die gleichen Fragen/Missverständnisse? Schreibt mir gerne eure Erfahrungen! :)

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Kommentare: 1
  • #1

    kathrin (Mittwoch, 22 Mai 2019 13:12)

    Oh mein Gott, wie oft ich das alles schon gehört habe. Ich versuche mich immer damit zu beruhigen, dass sie es nicht wissen können... Aber es nervt trotzdem soo sehr:( Als wär ihr eigenes Leben nicht interessant genug, nein sie müssen sich bei uns einmischen als würden wir nicht alleine klarkommen. hahaha phuu. Ja, ist ja süß wenn sie sich dafür interessieren aber bei manchen frag ich mich ob die überhaupt in die Schule gehen? Einige Fragen kann man mit einfachstem Allgemeinwissen beantworten.